Scheinschwangerschaft und Kastration beim Kaninchen

Bei Kaninchen gibt es keine zyklische Empfänglichkeit wie z.B. bei Katzen, Hunden oder Menschen. Allein durch den Deckakt (Aufreiten) des Kaninchenbockes (egal, ob kastriert oder unkastriert) werden beim Kaninchenweibchen Eizellen in den Follikeln ausgebildet und freigesetzt. Ist der Bock intakt, findet eine Befruchtung satt und es kommt zur Trächtigkeit des Weibchens. Ist der Bock kastriert, kommt es natürlich nicht zur Befruchtung, allerdings können sich trotzdem Gelbkörper bilden, die das Trächtigkeitshormon Progesteron bilden, so kommt es zu einer Scheinträchtigkeit.
Anzeichen
Schon im frühen Stadium verhalten sich die meisten Kaninchen aggressiver als sonst. Sie greifen teilweise sogar ihren Partner oder die Hand des Menschen an. Es kann vorkommen, dass langjährige Kaninchenfreundschaften dann nicht mehr funktionieren, die anderen Tiere von Futter- und Schlafplätzen vertrieben und ständig angeknurrt werden.
Diese Tiere sollten niemals zusammen in den standardmäßigen 1,20m Käfigen aus dem Handel eingesperrt sein (kein Kaninchen sollte dort drin leben müssen!), diese Käfige sind viel zu klein, die Tiere können sich nicht aus dem Weg gehen. Manche Weibchen sind unruhig, fressen weniger, nehmen dadurch etwas ab und die Zitzen schwellen etwas an.
Es kann außerdem zu häufigerem Rammeln und Ausfluss kommen.
Zum Ende der Scheinträchtigkeit erkennt man auch bei sich normal verhaltenen Weibchen die Scheinträchtigkeit anhand des Nestbaus. Sie sind den ganzen Tag mit dem Sammeln von Nistmaterial beschäftigt. Zum Ende der Scheinträchtigkeit beginnen Sie, sich Bauchfell auszurupfen um das Nest weich zu polstern. Bitte räumen Sie das Nest nie weg, auch wenn Sie sicher sind, dass das Tier nicht wirklich trächtig ist. Das Entfernen des Nestes führt zu großem Stress beim Weibchen und es würde sofort anfangen, ein neues zu bauen. Räumen Sie das Nest erst weg, wenn es nicht mehr beachtet wird.
Es gibt auch sehr harmlos verlaufende Scheinträchtigkeiten, bei denen das Weibchen nur etwas zickig ist, vielleicht mal ein bisschen Heu sammelt, aber  kein Nest baut und sich alles nach kurzer Zeit wieder normalisiert.
Eine normale Scheinträchtigkeit dauert ca. 14-18 Tage, danach sind die Gelbkörper wieder abgebaut.
Sollten Scheinträchtigkeiten häufiger im Jahr auftreten und zu starken Verhaltensveränderungen führen, wird es Zeit, das betroffene Tier beim Tierarzt vorzustellen, denn für das Weibchen und ihre/n Partner sind diese Zeiten sehr stressig. Die Gefahr von Folgeerkrankungen, wie z.B. Gebärmuttervereiterungen, Gebärmutterkrebs und Entzündungen der Eileiter steigt.

Diagnose
Durch Abtasten, ein Röntgenbild oder eine Ultraschalluntersuchung kann die Diagnose gestellt und der weitere Behandlungsplan in Absprache mit dem Tierarzt festgelegt werden.
Sind die Tiere unabhängig von der Scheinträchtigkeit gesund, ist hier in den meisten Fällen eine Kastration angeraten, sie ist die einzige dauerhafte Lösung für dieses Problem. Der Eingriff ist kein leichter und birgt natürlich wie immer ein Risiko, allerdings geht es den Weibchen danach deutlich besser, sie sind ruhiger, gelassener und das Zusammenleben mit den Partnern wird wieder harmonischer.
Die Inhalationsnarkose ist eine sehr gut verträgliche Narkose für Kaninchen, allerdings sollte man Tieren, die keinerlei Probleme mit Scheinträchtigkeiten und den begleitenden Auffälligkeiten haben, dieses OP- und Narkoserisiko trotzdem nicht zumuten.
Vor der OP
Ein Kaninchen darf für eine anstehende OP niemals nüchtern gelassen werden . Vor der eigentlichen OP wird eine Voruntersuchung durchgeführt, das Kaninchen wird allgemein untersucht. Das Narkose- und OP-Risiko wird umfangreich besprochen und die Inhalationsnarkose wird genauestens erklärt.
Nach der OP
Ein gewissenhafte und engmaschige Nachsorge ist lebenswichtig. Man muss unbedingt darauf achten, dass der Kreislauf nach der OP wieder richtig in Schwung kommt. Die Tiere wachen hier unter eine Wärmelampe auf, die Körpertemperatur und die Futteraufnahme werden regelmäßig kontrolliert.
Als postoperative Medikation bekommt Ihr Kaninchen Schmerzmittel und Antibiotikum für die nächsten Tage zur oralen Verabreichung, achten Sie auf eine ungestörte Verdauung. Die Wundheilung kann gern mit Homöopathika wie Traumeel oder Arnica (keine Tropfen!) gefördert werden.
Entfernen Sie Zuhause für die ersten Tage alles an Einstreu oder Pellets, was in die Wunde pieken oder sich dort festkleben kann, legen Sie den Käfig mit Handtüchern, Zellstoff oder Zeitung aus. Achten Sie allerdings darauf, dass Ihr Tier diese Unterlagen nicht frisst, dies kann zu schlimmen Darmproblemen führen.
Bieten Sie das Lieblingsfutter an, um das operierte Tier zum Fressen zu animieren.
Wenn das operierte Kaninchen eine harmonische Beziehung zum Partnertier hat, dann kann es am nächsten Tag schon wieder mit diesem zusammen sitzen. Wird sich allerdings oft gejagt oder ist aufgrund der Scheinschwangerschaft die Beziehung beschädigt, sollten die Tiere erst nach 10 Tagen vorsichtig wieder zusammengeführt werden. Sichtkontakt sollte aber dauerhaft möglich sein.
Sabine Dorn

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